Ein Jahr Pandemie mit „Casual Behaviour“ …

Ich selbst habe im vergangenen Jahr unzählige „Video-Dates“ gehabt, sicherlich nicht ganz so extrem, aber manchmal auch eine Spur zu hemdsärmlig. Für meinen Geschmack jedenfalls. Denn dabei erfuhr ich weitaus mehr über meine Gesprächspartner, als ihnen und mir lieb sein konnte. Und so festigte sich die begründete Vermutung, dass ein einfaches Telefonat die ganze Sache bestimmt nicht schlechter, vielleicht sogar besser gemacht hätte.

Noch mehr seltsame Blüten

Ein Déjà-Vu anderer Art betrifft vermeintlich „plötzlich verschwundene“ eMails. Oder die Aussage, man habe aus dem Home-Office derzeit keinen Zugriff auf eine Mail vom vergangenen Tag. Erwartungsgemäß kommt dann die Bitte inklusive Ausrede: „ … können Sie mir die Mail mit … noch einmal schicken, ich bin jetzt im Home-Office!“. Ja, was sagt man dazu?

Noch seltsamer muten umgeleitete Anrufe an, mit denen man eigentlich einen Geschäftskontakt erreichen will. Diese landeten nämlich auf einer Mailbox, die sich nicht identifiziert. Nein, da hat wohl jemand vergessen, dass man im Geschäftsleben gerne weiss, wen man da gerade nicht erreichen kann. Stattdessen erhält man die sehr vertrauenserweckende Nachricht: „Hier ist Vodafonemailbox der 016………. Der Teilnehmer ist nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht.“ Ganz ehrlich,  hinterlassen Sie hier reinen Gewissens wichtige, aber vielleicht auch nicht für jedermann bestimmte, also vertrauliche Informationen?

Handy-Trollerei – der letzte Stich gegen professionelles Geschäftsgebaren

Umgekehrt kommen kaum verständliche Anrufe von irgendeiner Handynummer herein. Die Telefonkultur hat in den letzten Jahren ohnehin schon stark gelitten. Mit dem vollständigen Namen und Firma, klar und verständlich ausgesprochen, stellen sich nur noch Anrufer der alten Schule vor. Die meisten sind inzwischen nur noch daran gewöhnt, dass ein Komforttelefon oder CRM die angezeigte Telefonnummer in den Namen des Anrufers umwandelt. Blöd ist nur, dass im privaten, jetzt beruflich genutzten Handy die meisten Geschäftskontakte nicht gespeichert sind…

Manche denken wohl, dass man besonders „teambewusst“ kommuniziert oder einfach nur „wichtiger ‚rüberkommt“, wenn man das Handy so hält, dass alle anderen im Raum gut mithören können. Aber das eingebaute Micro befindet sich dann möglichst weit weg vom eigenen Sprechwerkzeug. Beim Einsatz eines Headset hat dieses dank Bluetooth-High-Tech nach vier Minuten keine Versorgungsspannung mehr. Oder die USB-konnektierte Ohrstöpsel-Micro-Kombination schlabbert so durch die Gegend, dass das Micro so gut wie gar nicht vorhanden ist. Professionelles Telefonieren und eine respektvolle Kommunikation im Geschäftsleben sieht anders aus.

Warum dieses Gejammere?

Ich glaube, dass wir uns keinen Gefallen tun, unser professionelles Geschäftsgebaren plötzlich zu vergessen, abzuschalten oder sonstwie nicht zu benutzen. Es ist KEINE Begründung für schlechtes Benehmen, Unhöflichkeit, Zumutungen für unsere Gesprächspartner, wenn wir stets auf „Corona“, „Home-Office“, „diese merkwürdigen Zeiten“ etc. verweisen. Schlimmer noch: Man kann sich schnell an die neue Unprofessionalität gewöhnen. Dass dabei nicht nur der Anspruch an die eigene Arbeitsqualität verloren geht, sondern vielmehr der Eindruck, den wir bei anderen hinterlassen, dauerhaft geschädigt wird, das kann nicht in unserem Interesse sein.

Später nichts bereuen müssen.

In diesem Sinne bitte ich Sie: Lassen Sie uns die aktuellen Anforderungen hoch erhobenen Hauptes bestehen. Nur dann wird uns später die Erinnerung nicht allzu unangenehm sein. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte dazu kluger Weise: „Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“