Billig Hosting: Wie man sich bettet …

Einige Tricks der „Billigheimer“ sind bekannt. Man verzichtet zum Beispiel auf Redundanz bei IP-Leitungen, Strom, Klimatisierung etc. Dann setzt man verschleiss-behaftete Hardware länger ein, als für Technik und Kunden gut ist. Man reduziert die Angebotspalette und das Leistungsspektrum an Stellen, die der Kunde gar nicht oder erst viel zu spät bemerkt. Das kann der fehlende qualifizierte Service sein, wenn es echte, ernsthafte Probleme gibt, die sich weder durch ein FAQ-System noch durch eine kostenpflichte Callcenter-Hotline lösen lassen. So weit so (nicht!) gut.

Da geht noch mehr

Ab hier kann allerdings auch ein alter (Internet) Hase noch etwas dazu lernen. In dem beschriebenen Fall kam man auf eine sehr kreative Lösung: Man kaufte einfach den kostenintensiven Service „Network Operation Center“ als Dienstleistung ein, und zwar bei einer größeren Gruppe von IT-Selbständigen in Lviv, Ukraine. Das mag zunächst harmlos klingen. Ist es aber nicht.

Zum besseren Verständnis müssen wir kurz ausholen. Hosting braucht Rechenzentrums-Leistungen. Dazu gehören unter anderem das Netzwerk, Netzwerk-Geräte (Switches), Server für den Kundenbetrieb, Server für das Service-Management, Monitoring-Server, Firewalls, Router und einiges mehr. All diese Geräte müssen beobachtet (Monitoring), konfiguriert und gewartet werden. Bei uns heisst das „NOC“ (Network Operation Center). Hier geht es um hoch qualifiziertes Personal. Das ist nicht billig zu haben.

Damit jetzt kein Missverständnis aufkommt: In der Ukraine gibt es mindestens so gute IT-ler wie in unseren Breiten. Schließlich kommen inzwischen viele nützliche IT-Anwendungen, also nicht nur Hacker-Angriffe, Spyware & Co, aus dieser Richtung. Und vielleicht haben diese Leute etwas Erfahrung im Betrieb eines Rechenzentrums. Aber es gibt ein riesiges Problem: Selbständige sind nicht weisungsgebunden und in diesem Fall sogar fern jeglicher Kontrolle und Handhabe, weil die Ukraine ausserhalb der EU-Rechtsnormen liegt. Und ob mehrere Freelancer zusammen ein professionell arbeitendes Team bilden, das den hierbei erforderlichen Ansprüchen an Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit etc. entspricht, ist mehr als fraglich

Das dicke Ende

Jetzt dürfte wohl jedem klar sein, wie es zu der vermeintlichen Datenpanne kam. Wer Zugriff auf das Herzstück „NOC“ des Hostings hat, kann auch auf ALLE Daten zugreifen. Und mit ihnen beliebig verfahren. Ob nun die Offenlegung der Kundendaten absichtlich oder aus Versehen geschah, spielte für die Betroffenen keine Rolle. Es folgte eine Welle von Beschwerden in allen möglichen Social Media-Plattformen. Viele verlangen ihr Geld zurück, fordern Schadensersatz, drohen mit sofortiger Kündigung etc. Selbstverständlich.